GeFühle fetzen

Mein fremder Körper


Stefanie

Stefanie

16 Jahre – denkt: „Leerer Magen, guter Magen“


«Fette Polster kann ich nicht ertragen. Fett ist ekelhaft. Fett geht gar nicht.»

Hoffentlich hat das keiner gemerkt. Keine Ahnung, ob in den anderen Toiletten eine war. Ob mich eine gehört hat?

Ganz geräuschlos geht das nicht. Finger rein und raus damit.

Das Würgen ist gar nicht so schlimm, weniger schlimm als man denkt. An das Würgen gewöhnt man sich.

Aber nicht an das Fett unter der Haut. Einfach nur fies.

Hatte mich wieder hinreißen lassen. In der großen Pause. Die Bäckerei. Puddingteilchen im Angebot. Ich konnte nicht anders. Drei auf einmal verschlungen.

„Hab nicht gefrühstückt“, habe ich gesagt und gelacht. „Was du an Süßem verträgst, sieht man dir gar nicht an“, haben die anderen geantwortet. Wäre ja auch noch schöner.

Fette Polster kann ich nicht ertragen. Fett ist ekelhaft. Fett geht gar nicht.

Diese Oberschenkel. Meine Oberschenkel. Prall. Spack. Widerlich.

Kann ich keinem erklären. Darf auch keiner merken.

Beim Essen mit anderen muss ich früher gehen, sonst krieg ich’s nicht mehr raus. Darf nicht zu lange dauern.

Hab manchmal schon so einen Kohldampf, dass ich gar nicht mehr normal essen kann. Stopf das Essen dann richtig in mich rein. Kaum sind die Kalorien drin, fühl ich mich schrecklich. Als ginge ich auf wie ein Hefekloß. Werde dicker und dicker. Spür fast, wie die Kalorien sich ansetzen und mich dick machen. Dick und fett. Fies und fett.

Kotz dann alles wieder aus. Nichts darf drinbleiben. Leerer Magen, guter Magen. Dann geht’s mir kurz besser. Aber die Gedanken ständig ums Essen und Zunehmen kommen gleich wieder.

Mutter

Hoffentlich hat das keiner gemerkt. Keine Ahnung, ob in den anderen Toiletten eine war. Ob mich eine gehört hat? Ganz geräuschlos geht das nicht. Finger rein und raus damit.

Ich bin froh, dass das endlich mal auf dem Tisch ist. Ich habe schon lange gemerkt, dass du dich nach dem Essen auf der Toilette übergibst. Ich habe mich aber nicht getraut, dich darauf anzusprechen. Ich hatte Angst, dass du dich dann noch mehr von uns abwendest. Ich habe viel darüber gelesen: Ess-Brech-Sucht oder Bulimie heißt das, was du vermutlich hast. Ich möchte dir so gerne helfen. Im Internet steht, dass so eine Bulimie eine seelische Krankheit ist und viele Betroffene erst durch eine Psychotherapie davon wegkommen. Ich habe Angst, dir das vorzuschlagen. Aber ich mache mir solche Sorgen, dass es immer schlimmer wird.

Susanna, Freundin

Hab manchmal schon so einen Kohldampf, dass ich gar nicht mehr normal essen kann. Stopf das Essen dann richtig in mich rein. Kaum sind die Kalorien drin, fühl ich mich schrecklich. Als ginge ich auf wie ein Hefekloß. Werde dicker und dicker. Spür fast, wie die Kalorien sich ansetzen und mich dick machen. Dick und fett. Fies und fett.

Oh, nein, das hört sich ja richtig schlimm an. Und ich dachte immer, du verträgst ja ne Menge. Wenn du magst, können wir uns nach der Schule mal treffen und mal darüber sprechen. Ich versteh auch gar nicht, warum du so ein Problem mit dem Essen hast. Du hast doch eine ganz normale Figur. 

Birgit B., Psychotherapeutin

Dann geht’s mir kurz besser. Aber die Gedanken ständig ums Essen und Zunehmen kommen gleich wieder.

Es geht dir kurz besser. Aber nur kurz. Dann kommt das Quälende zurück, die quälenden Gedanken, die Fressattacken, das Brechen. Du bist damit nicht allein. Viele Jugendliche und junge Erwachsene leiden unter der  Ess-Brech-Sucht. Das  ist eine Krankheit, die erfolgreich behandelt werden kann. Eine Psychotherapie kann dir helfen, diese ständig wiederkehrenden Gedanken und Handlungen zu durchbrechen und den Kopf frei zu machen für andere Dinge.

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