GeFühle fetzen

Schmerzen, die gut tun


Tess

Tess

15 Jahre – will sich spüren


«Ich brauche den Schmerz, wenn ich mich spüren will. Ohne den bin ich weit weg von mir.»

Jetzt habe ich 15 Jahre meines verkackten Lebens hinter mir. Der Scheiß begann mit meiner Geburt und hört wohl nie auf.

Ich brauche den Schmerz, wenn ich mich spüren will. Ohne den bin ich weit weg von mir. Dann werde ich unruhig und kribbelig. Den Schmerz spüre ich nicht, aber ich bin für einen Moment wieder nah bei mir.

Seit einem Jahr mach ich’s. Anfangs habe ich noch die Augen zugemacht und die Zähne zusammengebissen. Tat gut und gar nicht so weh, wie ich dachte.

Die Narben auf meiner Haut – mein Geheimnis. Kein anderer soll davon wissen. Lange T-Shirts, Pullis decken alles zu. Im Sportunterricht hat es Anne einmal bemerkt. Hat ganz entsetzt geguckt. Bin hin, sie soll bloß nichts sagen. „Bin schon beim Therapeuten“, hab ich behauptet, „ist alles in Ordnung“.

Ich mach das immer wieder. Weiß auch, dass das nicht normal ist. Aber wer will schon normal sein. Ich brauch den Schmerz.

Mutter

Die Narben auf meiner Haut – mein Geheimnis. Kein anderer soll davon wissen. Lange T-Shirts, Pullis decken alles zu.

Es ist kein Geheimnis, das mit den Narben. Wir haben sie auch schon gesehen. Wir haben gehofft, dass es eine vorübergehende Sache ist. Wir haben im Internet gelesen, dass immer mehr junge Mädchen sich die Haut aufritzen, aber dass das meist nicht lange anhält. Aber ein Jahr nun schon?! Wo soll das noch hinführen? Narben am ganzen Körper? Du brauchst Hilfe! Lass uns bitte darüber reden!

Anne, Freundin

Ich brauche den Schmerz, wenn ich mich spüren will. Ohne den bin ich weit weg von mir. Dann werde ich unruhig und kribbelig. Den Schmerz spüre ich nicht, aber ich bin für einen Moment wieder nah bei mir.

Meine Tante hat auch ganz viele Narben an ihrem Körper. An den Oberarmen und Oberschenkeln. Ich hatte sie darauf mal angesprochen und sie meinte, dass sie sich als Jugendliche immer mit Rasierklingen selbst geschnitten hat. Sie meinte auch, so wie du es sagst, dass sie es gebraucht hat, um sich zu spüren. Sie hat mir erzählt, dass sie eine Therapie gemacht und das wirklich geholfen hat. Vielleicht solltest du das auch mal probieren?

Tekla W., Psychotherapeutin

Jetzt habe ich 15 Jahre meines verkackten Lebens hinter mir. Der Scheiß begann mit meiner Geburt und hört wohl nie auf.

Liebe Tess,

in deinem Leben ist offensichtlich viel passiert, das dir nicht gut getan hat. Du bist unglücklich, verzweifelt und wütend. Oder eben leer und ohne Gefühl, wenn du die Verzweiflung und die Wut nicht an dich rankommen lassen willst.

Vermutlich kommt zu dem „weit weg sein von dir selbst“ auch noch eine heftige innere Spannung und die Ablehnung deines Körpers insgesamt. Das Ritzen, das Blut und der Schmerz lösen das alles und du fühlst dich für einen Moment befreit. Aber eben nur für einen Moment!

Du hast dir da eine grausame Lösung gesucht. Und eine, die dich auf die Dauer immer tiefer in die Leere treibt, aus der du aber eigentlich raus willst.

Eine Jugendlichenpsychotherapeutin könnte dir helfen, auch wenn du dir das im Moment noch nicht so recht vorstellen kannst. Du könntest mit ihrer Hilfe rausfinden, was du brauchst und wie du dir selbst helfen könntest. Wie du mit den Narben auf deiner Seele fertig werden kannst, ohne dass du immer mehr Narben auf den Armen bekommst.

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